Vergessen von Jürgen Xaver Jungbauer

Vergessen
Vergessen, versunken, verloren fühle ich mich, verstehe ich mich, verfasse ich nicht ein Wort ohne Erinnerung. Niemand spricht über Ungerechtigkeit. Niemand ist bereit Ungerechtigkeit zur Kenntnis zu nehmen. Wer immer die Gleichheit aller postuliert, vergisst, wir sehen unser Leben in der Rückblende, Zukunft erscheint nicht greifbar. Die Vergangenheit erfassen durch Erinnerungen, eine Auswahl jener Wahrnehmungen, welche wir nicht vergessen haben. Schemenhaft und unwirklich erscheinen die Plakate im äußersten Blickwinkel meines Sichtfeldes, kaum wahrgenommen im Bewusstsein des Denkens, unsichtbar gespeichert und entschieden im Frontopolaren Kortex ist Handlung determiniert und quasivorhersehbar. Nicht für mich, für den Beobachter der Gehirnströme, so es diesen gäbe. Jede Wahrnehmung besiegelt Handeln. Sitze ich hier aufgrund meiner Entscheidung oder kraft der Zufälle des Lebens. War dies der einzige freie Tisch? Zog mich die Information des Plakates an der Wand an? Verweile ich gerne am Fenster? Ziehe ich prinzipiell den Platz im Eck eines Raumes vor, scheinbar willkürlich entschieden? So sitze ich in einem Café, lese die Zeitung und starre gebannt auf die uns bewegenden Nachrichten. Lasse mich ein auf die vorgefilterten Ausschnitte der Wahrnehmung, filtere selbst indem ich, mir ins Auge fallende Artikel genauerem Studium unterziehe oder im Schnellleseverfahren mit einem Blick aufnehme. Verloren im Dschungel der Vorselektionen traditioneller Lektüre, versunken in geöffneter Freiheit des Textes, vergessen im verlorenen Raum Zeit Gefüge der inneren Gedanken. Nicht die in Worte geformten Einfälle, sondern die Stimmungen, die Gefühle, die damit gespeicherten Gerüche verharren in meiner Erinnerung. In starrer Pose, die Erfahrung des Alters in Form des blanken Hauptes zur Schau stellend zeige ich dem wahrnehmenden Raum die Abwehr, „Mich nicht stören im Sammeln der unbewussten Erfahrenserweiterung, im Saugen der Informationen“. Wir Menschen zeichnen doch durch die Fähigkeit des Spinnens von Gedanken, über die Beobachtung hinausgehende Konstrukte und Ideen zu kreieren. Hier befinde ich mich im Schaffensprozess, im Säen der Frucht der zukünftigen Entscheidung. Im Nacken das Gewissen, die neue Erfahrung, die Möglichkeit zur Erweiterung des Blickwinkels, unbewertet, unentschieden, aber vorhanden.

Fragend
Fragend, überzeugt, bestimmt, unbestimmt, bestimmt unbestimmt.
Im Kindesalter stellte ich hunderte Fragen, kaum eine wurde beantwortet. Noch heute geben wir den Kindern keine richtigen Antworten auf ihre existentielle Fragestellungen. Die Ursache liegt im Unvermögen. Wir sind nicht mehr in der Lage uns auf das Niveau, auf die Farbe des Kleinkindes einzulassen. Wir sind dem evolutionären Schritt des kindlichen Betrachtungswinkels entwachsen. Es fehlt uns an der Fähigkeit, sich dem wieder zu erinnern, wir haben vergessen, die Empfindungen, die Ängste, die Möglichkeit der ungefilterten Betrachtung alles unergründlichen Seins. Die Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse sehen wir gesichert, der schutzgebenden Familie entrückt, die pubertären Machtkämpfe geschlagen sind wir gefangen im Verhaltenskodex des Alltags. Mitunter wachsen wir hinein in die Phase des wissenschaftlichen Erfassens, dem Erkennen der sogenannten Naturgesetze, der Objektivität und der Fähigkeit, die vorgefundene Welt zu seinem Vorteil zu nutzen. Wenigen gelingt die Eroberung der Stufe der ökologischen Sensibilität, dem Netzwerk geschuldete Gehorsamkeit. Die systemische Integration erfahren wir im höheren Alter, die Rücksichtnahme auf andere Menschen und das Leben allgemein prägen unser Handeln. Das holistische System, die Verwirklichung der Opferbereitschaft in der Gestalt einer eigennützigen Organisationsform, sämtliche Ebenen verwoben zu einer bewussten Gesellschaftsordnung stellt das zur Zeit unerreichbare Ziel unseres Daseins dar. Alle Stufen bauen aufeinander auf, sind wir der einen entrückt, fällt es uns schwer, sich dem Vergessenen zu entsinnen, das damals internalisierte Verhalten wieder zu entflammen. So wandeln wir vom Fragenden zum Überzeugten. Die Überzeugung bestimmt uns, wir bestimmen die Werte anderer. Verletzungen in dieser Phase sind stets als Abfall vom Glauben zu betrachten, welcher zur Bestrafung und Busse führt. Um dem zu entwachsen trachten wir nach Unbestimmtheit, getragen von Zweifel und Unsicherheit. Systeme werden nicht mehr verstanden. Dies ist der große Kampf der großen Masse, hier empfinden wir unser Gewissen. Jene, die es schaffen die Unverbindlichkeit zu erlangen, sich dem Dämon der Systemkritik zu stellen und darüber hinaus zu wachsen, haben die Möglichkeit die „bestimmte Unbestimmtheit“ zu erarbeiten. Die Menschheit entwickelt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Ich befinde mich auf unterschiedlichen Stufen. Die Kommunikation wird beherrscht durch ein Medium, welches die gesamte Erde verbindet, sofern der Wohlstand den Zugang ermöglicht, das „world wide web“. Darin kommunizieren Menschen verschiedenartiger Bedürfnissebenen in diversen Sprachen, mit falschen Übersetzungen. Innerhalb der systemischen Entwicklungsebene finden sich die Anwender und Bewohner wiederum in vielfältigen Ebenen. Maslow´sche Bedürfnisbefriedigung führt zur Unmöglichkeit der gemeinsamen Verständnisfähigkeit. So finden wir uns Lichtjahre entfernt, das weltumfassende holistische System zu erlangen, zu erfassen. Wir bleiben „Bestimmt“.

So
So bin ich eins mit mir und dem Universum. Tolle Worte bestimmen mein Leben, mein Unverständnis, mein Ziel die höchste Erwartung zu erreichen. Ich höre, ich denke, ich empfinde, ich verabscheue die Handlungen des Alltages, ich verzehre mich nach Weisheit und dem Wunsch, allen und allem gerecht zu werden, ohne Gerechtigkeit zu definieren. Ich bin der Klon meiner Gedanken, Apperzeptionen, meines allumfassenden Bewusstseins. Heutzutage plagen die Fragen der Kindheit noch immer, quält die Scham der Gewalt, die Unsicherheit des Lernens und Denkens im Laufe der geistigen Entwicklung.
So sitze ich hier, die Ruhe zum Ausdruck gebracht, den Vulkan des Empfindungslebens, die Schmach der täglichen mentalen Kämpfe, stets mit dem Gewinn der inneren Überzeugung den Advocatus Diaboli zum Verlierer gestempelt. Zwei, nein viele Seelen in meiner Brust, die Erkenntnis der Unfähigkeit zum Erfassen der Gesamtheit. Und dennoch sitze ich und spiele mit dem persönlichen Erscheinungsbild. Erahnt den Kampf, aber entdeckt ihn nicht.
So warte ich darauf, die Entscheidung das Vergessen nicht mehr systemisch zu perfektionieren.
So sitze ich, einfach nur Sitzen, nur Ruhe.
Ruhig, ihr Menschen.
Setzt euch!

Last modified onSunday, 25 July 2021 06:32
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