Samson von Tobias Bonn

Dieser verdammte Bart war ihm jetzt schon zweimal in den Reißverschluss gekommen. Oder der verdammte Reißverschluss! Egal. Jedenfalls zog es am Hals und überhaupt wurde es Rainer hier langsam ungemütlich. Trotzdem bemühte er sich, nicht zu wehleidig zu gucken, als er die Fotografin rechts von sich bemerkte. Hoffentlich war der Bart nicht schon zu nass geworden. Das sieht so ungepflegt aus, hatte sich Sabine neulich beklagt. Naja, geklagt hatte sie nicht wirklich, es nur bemerkt, so beiläufig wie möglich und etwas gequält gelacht dazu um die Situation zu entschärfen. Den Schnauz hatte er sich ja ihr zuliebe schon abrasiert. Der würde beim Küssen piksen. Auch dieser Hinweis kam so harmlos wie möglich daher, mit einer gespielten Kinderstimme, die lustig sein sollte. Hm. Viel geküsst wurde ja eh nicht mehr. Also kam der Schnauz halt ab und dafür wurde der Kinnbart aber länger. Mit oder ohne Bart – für so wahnsinnig unwiderstehlich schien Sabine ihn schon länger nicht mehr zu halten. Sie wurden halt beide älter und die meisten Bartträger waren inzwischen jünger als er.
Früher haben eh nur alte Leute Bärte getragen. Der Vollbart seines Großvaters hatte ihn fasziniert. Als kleiner Junge wollte er da immer rein greifen und der Opa hat ihn machen lassen und gelacht. Und zu Weihnachten bekam er dann ein Bilderbuch mit der Geschichte von Samson und Delilah geschenkt. Irgendwo im Haus seiner Eltern müsste das Buch doch noch sein. Vielleicht würde er es Kilian schenken. Auch wenn der eigentlich schon zu alt dafür war und sowieso kaum für ein Buch sein tablet weglegen würde.
Jetzt nahm diese Fotografin ihn schon wieder ins Visier und er versucht, entschlossen und furchtlos zu gucken. Es gab hier zwar weder Löwen noch Philister zu bekämpfen, sondern nur ein Häufchen blöder Nazis bei ihrer Veranstaltung zu stören, aber Rainer würde sich später jedenfalls nicht von Kilian Vorwürfe machen lassen müssen, so wie sein Großvater von seinem Vater. Und den Bart würde er sich auch nicht abschneiden lassen. Das muss Sabine halt akzeptieren. Er sagt ja auch nichts, wenn sie nicht mit auf die Demo kommt, weil am Samstag ihr Yogakurs ist, der ihr angeblich so gut tut. Außerdem wären ihr diese Sprechchöre peinlich, kichert sie und zieht ihn neckisch am Bart bevor sie geht. Echt jetzt?
Früher, als Kilian noch klein war, hatte sie sich einen Spaß daraus gemacht, ihm so einen Hausfrau-küsst-Ehemann-der-ins-Büro-geht-Kuss zu geben, wenn er morgens vor ihr los musste. Wie in einer schlechten amerikanischen Fernsehserie. Und deshalb lustig. Damals.
Der Fotografin schien sein Bart ja zu gefallen. Jedenfalls machte sie schon wieder Bilder von ihm und er überlegt, wie er sie fragen könnte, für wen die Fotos sind, ohne dass das irgendwie blöd rüber kam.
Die Nazis hatten inzwischen immerhin aufgegeben und die Demo war sich am auflösen. Eigentlich wäre er jetzt noch mit Matthias ein Bier trinken gegangen, aber der hatte ja auch kurzfristig abgesagt. Der Fabian hätte schon wieder Fieber und die Frauke hätte ihn dazu verdonnert, jetzt sofort noch einen Termin beim Osteopathen zu organisieren. Am Wochenende! Mit so einer miesen Laune musste er gar nicht erst versuchen, mit einer Fotografin zu flirten, die eindeutig zu jung für ihn war. Oder er zu alt für sie. Schlechter Kopf-Porno jedenfalls. Sie war auch eh längst weg. Er würde zu Fuß nach Hause gehen und jetzt erst mal eine rauchen. Wenigstens auf sein Sturmfeuerzeug war Verlass. Während er mit den Augen noch die Menschenmenge nach der Fotografin abscannte merkte er nicht, wie der Wind die Flamme gegen seinen Bart drückte. Der war gar nicht so nass.

 

Last modified onSunday, 25 July 2021 06:31
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