Algorithmus von Martin Pinda

Algorithmus: Ein Algorithmus ist eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems. Algorithmen bestehen aus endlich vielen, klar definierten Einzelschritten. Sie können zur Ausführung in Computerprogramme implementiert und auch in menschlicher Sprache formuliert werden. Bei der Problemlösung wird eine bestimmte Dateneingabe in eine bestimmte Ausgabe verarbeitet.

- H. Rogers Jr.: Theory of Recursive Functions and Effective Computability

- C. E. Leiserson, R. L. Rivest, C. Stein: Algorithmen – Eine Einführung

Endlich geschafft. Leicht-freudigen Schrittes, trotz der Erschöpfung des ersten Tages in der neuen Firma, verlässt er das Foyer durch eine der großen Glastüren und schreitet über die abwärts führen­den Stufen auf den Gehsteig raus aus dem noch hell erleuchteten Gebäude in das von Neonlichtern durchgeschnittene Zwielicht der abendlichen Stadt.

Ein erleichtertes Aufatmen, schnell den Mantelkragen richten, das brillenartige PECEAT aufsetzen, die Aktentasche nehmen und weiter.
Auf dem Heimweg. Noch Zigaretten holen.
Er weiß, ein paar Ecken weiter hängt ein Automat.
Eigentlich ein Anachronismus in der heutigen Zeit, aber die moderne digitale Gesellschaft nimmt nicht Jeden mit.
Ein paar Schritte über den dreckigen, dunklen Bodenbelag der Straße, der einen oder anderen Pfütze ausweichen.

Die Maschine hängt verlassen an der Außenfassade einer inzwischen geschlossenen Trafik, in der dunklen Gasse ziehen nur einzelne, ebenso dunkle Gestalten ihres Weges.
Er zückt seine Brieftasche, holt seine Debitcard heraus und hält sie zur Authentifizierung gegen den Sensor des Automaten.
Unsichtbare Ströme seiner persönlichen Daten rasen via Funkwellen und Kabel durch die Stadt, vielleicht auch durchs ganze Land oder zu einem Satelliten hunderte Kilometer über ihm – wer weiß es schon? - und fragen in einer Datenbank, gespeichert auf einem ihm unbekannten Server irgendwo da draußen, an ob der Inhaber dieser Karte das gesetzliche Mindestalter zum Erwerb eines nikotinhaltigen Suchtmittels überschritten hat.

Die Status-LEDs des Geräts blinken in gewohnter Weise ein paar Sekunden um ihm die Kommuni­kationstätigkeit anzuzeigen. Nach einer Weile akzeptiert das Gerät wie gewohnt die Karte, und for­dert ihn mittels eines Textes am Display auf das Produkt zu wählen und zeigt ihm auch seinen Kreditrahmen an.
Er wählt seine Marke mittels Tastendruck und hebt die Debitcard in Erwartung der Aufforderung, sie zum bezahlen nochmals gegen das Sensorfeld zu halten neben das Sensorfeld.
Plötzlich erscheint eine unerwartete Meldung am Display der Maschine:

"Ihre Bürgercard bitte"

Er stutzt kurz, hat keine Erklärung für diesen, ihm neuen Authentifizierungsschritt.
Irgendwo in der digitalen Parallelwelt hat eine vermeintliche Intelligenz bestehend aus Nullen und Einsen entschieden das er sich – wahrscheinlich irgendeiner vermeintlichen Sicherheit, allerdings sicher nicht Seiner, wegen – zusätzlich zu legitimieren hat um diese Transaktion durchführen zu können.
Bei einer so simplen Sache wie dem Kauf einer Schachtel Zigaretten kann das kein gutes Zeichen sein. Es ist nie ein gutes Zeichen.

Dann fällt es ihm ein: Seit ein paar Jahren ist es beim Erwerb von‚ potentiell gesundheitsschädigen­den Genuss- und Suchtmitteln‘ wie die verallgemeinernde, politisch und juristisch korrekte Bezeichnung für Tabak, Alkohol, Marihuana, Süßigkeiten und stark fetthaltigen Nahrungs- und Genussmitteln lautete, Pflicht sich mit seiner Bürgercard auszuweisen.
Allerdings nur wenn man in einem aufrechten Dienstverhältnis steht. In seinen sieben Jahren Arbeitslosigkeit ist er deshalb darum herumgekommen und diesen Schritt nicht gewohnt.

Nun ist das vorbei. Er kann sich ein bisschen darüber freuen wieder 'etwas beizutragen‘.

Er holt nochmals seine Brieftasche hervor, blättert durch das gefühlte Dutzend an diversen Scheck­karten bis er die Bürgercard findet und holt diese heraus. Inzwischen leicht genervt hält er auch die Bürgercard gegen den Sensor des Automaten, das Gerät signalisiert durch ein paar Displaymeldungen und das gewohnte Blinken der Status-LEDs seine Tätigkeit.

Eine gefühlte Ewigkeit später, er verlagert ungeduldig sein Gewicht von einem Bein aufs andere und wieder Retour – die Datenübertragung könnte ruhig schneller von statten gehen, aber warum sollten die Tabakkonzerne die einem schon mit ihren Suchtmitteln wertvolle Lebenszeit stehlen Geld investieren um ihren blöden Kunden wenigstens etwas Lebenszeit zurückzugeben? – leuchten die LED-Lampen stoisch vor sich hin.

"Danke für Ihre Identifikation"

- meldet die Maschine nachdem die unsichtbare Entscheidungsinstanz, die in ihrer unfehlbaren digi­talen Weisheit beschlossen hat das bloß die Daten seines Bankkontos nicht mehr ausreichen um eine Packung Zigaretten zu kaufen, sondern diese auch mit seinen Personaldaten verknüpft und damit er als Kontoinhaber verifiziert werden muss, die hin- und her rasenden Datenströme miteinander abge­glichen und die Logik entschieden hat, das er wirklich er ist und auch das Bankkonto wirklich seines ist.

Nun schon deutlich genervt und ungeduldig drückt – fast hämmert er auf sie – er nochmals die Taste seiner Marke und erwartet endlich den Kauf abschließen, eine rauchen und weiter gehen zu können, als ihm das Display der Maschine neuerlich einen Strich durch die Rechnung macht:

"Zur Erstregistrierung und Bestätigung Ihrer Sozialversicherung bitte Ecard scannen"

- meldet das Gerät erneut anstatt den Kaufvorgang voranzubringen.
Nochmaliges stutzen – aber bitte, was soll‘s.
Er kramt nun schon zum dritten Mal innerhalb von dreißig Sekunden seine Brieftasche hervor, blät­tert nochmals durch das Konvolut von Scheckkarten, findet die Sozialversicherungskarte, fummelt sie leicht brachial heraus, sodass das typische Plastik-an-Plastik scheuernde Geräusch der sich leicht biegenden Karte entsteht und klatscht sie gegen das Sensorfeld des Automaten.

In der digitalen Parallelwelt rauschen wieder die Datenströme hin und her.
Anfragen von Datenbanksystemen seiner Bank, seiner Sozialversicherung und einem halben Dutzend anderer IT-Systeme von Firmen bei denen er mit Bank- und Personaldaten registriert ist – verursacht wohl durch die Registrierung seines Bankkontos bei seinem neuen Dienstgeber – werden mit dem scannen der im Chip der Sozialversicherungskarte gespeicherten Daten beantwortet, was das Gerät wie üblich nur durch das lakonische blinken der Status-LEDs signalisiert.

Nach dem scannen der Ecard piept das Gerät zufrieden, verlangt nochmal die Debitkarte, fragt ihn auch nach seiner ‚Shööping‘-Card, die er pflichteifrig anhält – schnell noch ein paar ‚Jööös‘ abstauben -, als das Gerät dann auch noch die TabakAustria-Card verlangt reicht es ihm – die ver­weigert er.

Etwas ‚ziviler Ungehorsam‘ muss auch beim Kauf von Zigaretten sein.

Dann nochmal die Debitkarte zum bezahlen der 25,60 EUrinbi anhalten und zeitgleich mit dem suchtbefriedigenden, dumpfen Fallgeräusch der Zigarettenschachtel in den Ausgabeschacht meldet
der Automat – diesmal sogar akustisch:

"Danke das Sie mit Ein-EU-sechzig-Rinbi den Kampf gegen die Rindergrippe unterstützen"

Sekunden nachdem er die Schachtel entnommen, eingesteckt und sich zum gehen umgedreht hat, piept sein PECEAT – das brillenförmige ‚Personal Entertainment, Communication and Education Terminal‘ das auf seiner Nase und seinen Ohrläppchen ruht.
Er hält während des Gehens inne und zur Bestätigung tippt er reflexartig auf den DNA-Scanner am Brillenrand. Das PECEAT beginnt sowohl optisch als auch akustisch die Benachrichtigung wiederzugeben.

Sieben neue Nachrichten. Nachricht eins von sieben:
Absender: Unionsgouvernement für Erziehung und Volksgesundheit.

Betreff: Ihre Sozialversicherung
Text der Nachricht:
Aufgrund Ihres volksgefährdenden Konsumverhaltens kann Ihnen kein weiterer Versicherungsschutz gewährt werden. Ende des Versicherungsschutzes...

Er fällt gedanklich aus allen Wolken – was sich in Gestalt seiner runterfallenden Kinnlade somati­siert und hätte am liebsten

Was!?

ausgerufen – aber es bleibt ein stummer Schrei.
Nicht so schnell – das kann nur ein Fake sein.
Ungeduldig tippt er auf den DNA-Sensor um zur nächsten Nachricht zu gelangen, und hofft instän­dig die Sache wird sich als Aprilscherz, Ransom-Angriff oder sonstiges entpuppen. Aber weit gefehlt.

Nächste Nachricht. Nachricht zwei von sieben
Absender: Ming-Corporation...

- sein neuer Arbeitgeber, hoffnungsvoll lauscht er gespannt weiter:

Betreff: Unsere gemeinsame Zukunft.
Text der Nachricht:
Leider haben wir von Ihrer Sozialversicherung erfahren das für Sie kein weiterer Versicherungsschutz besteht – deshalb müssen wir leider auf eine weitere Zusammenarbeit mit Ihnen verzichten...

Die Farbe verschwindet schlagartig aus seinem Gesicht, er steht unter Schock - spürt wie sich das Blut aus seinen Adern zurückzieht und es beginnt ihn zu frösteln, Panik breitet sich aus.

Waaaaaas????

Panisch tippt er erneut gegen den DNA-Sensor, anscheinend gleich mehrmals, das Gerät über­springt einige Nachrichten.

Es folgen noch eine Message seiner Bank, die Ihm die Kreditwürdigkeit entzieht, seines Vermieters, der ihn vor die Tür setzt und schlussendlich von Yangtze, der sämtliche Lieferungen an ihn einstellt.
Innerhalb weniger Sekunden verlor er seinen Job, seine Versicherung und seine Unterkunft

Und zum Essen und trinken bekommen würde er auch nichts.

Als ihm das alles bewusst wird, fällt ihm die Zigarette die er sich inzwischen angezündet hat aus dem Mund und die Aktentasche kracht zu Boden.

Aber...also...Aber das…

Seine Lippen beben, er starrt ins Leere und versucht sich zu sammeln, gegen die Panik anzukämp­fen.
Sein Bewusstsein verengt sich, fokussiert sich auf die gerade auf ihn hereinstürzenden Probleme.

Je mehr ihm bewusst wird was gerade alles passiert ist – das ein paar logikbasierte digitale Automa­tismen, Algorithmen, mit ein paar automatischen Email-Benachrichtigungen sein neues Leben effektiv zerstörten, desto mehr weitet sich das Zittern von seinen Lippen auf seinen ganzen Körper aus.

Plötzlich schneidet vor ihm ein Linienbus röhrend durch die dunkle Gasse, hebt und senkt sich beim überqueren einer Unebenheit der Straße, währenddessen das Motorgeräusch etwas lauter wird, Was­ser spritzt geräuschvoll aus den Pfützen die die Reifen des Busses durchschneiden zur Seite.

Die sich auf- und ab bewegenden Lichtkegel der Xenonscheinwerfer blenden ihn.

Vor den Scherben seines Lebens stehend, sieht er keinen anderen Ausweg und der letzte Impuls seines Verstandes löst eine Fluchtreaktion aus:

Spring!

Dann Chaos, Lärm, quietschende Reifen, ein Aufprall, das Krachen von Glas und Metall, Schreie. Dann wird es still.

Zurück bleiben nur eine zu Boden gestürzte Aktentasche auf dem Asphalt, daneben eine glimmende Zigarette.

Und ein zerstörtes, ausgelöschtes Leben.

 

Last modified onSunday, 25 July 2021 06:31
(0 votes)
Read 773 times
Tagged under :

More in this category:

« Samson von Tobias Bonn