The thing women have yet to learn by Christophe Marti

Frauen Portraits

The thing women have yet to learn is nobody gives you power. You just take it.  Roseanne Barr

Du weisst doch, wie sehr Papa sich freut, wenn endlich wieder einmal die gesamte Familie zusammenkommt. Nein? Überleg es dir doch nochmal. Bitte. Tu's. Papa zuliebe.“
„Ich bin ihm nichts schuldig. Nichts.“ 

„Was ist denn deiner Ansicht nach so schlimm daran? Kannst du mir das erklären? Wir treffen uns, verbringen ganz entspannt einen Sonntagnachmittag gemeinsam bei gutem Essen, Wein, Carlos und seine Kumpels machen Musik, es wird gesungen, getanzt und wir feiern den Hochzeitstag unserer Eltern. Meine Güte...“
„Ganz entspannt, sag mal, soll das ein Witz sein? Ich will ihn nicht sehen, ich habe keine Lust darauf, mich bei der erstbesten Gelegenheit erneut von ihm runtermachen zu lassen. Vor der versammelten Sippe, vielen Dank. So war es doch schon immer. Aus dir wird nie etwas, hat es immer geheissen, schon als ich noch ein Mädchen war. Am besten schauen wir, dass wir dich schnell verheiratet bekommen, dann sind wir die Sorge los. Erinnerst du dich? Und später, als ich anstatt zu heiraten, mich selbstständig gemacht und meinen eigenen Salon eröffnet habe, war das wieder nicht recht, in seinen Augen. Er hat nichts als Spott für mich übrig. Weil ich keinen abgekriegt habe, meint er. Weil ich keine Familie habe, für die ich mich ohne Ende aufopfere, so wie Mama. Oder du.“

Aurelia überlegte. Hatte ihre Schwester derzeit einen Mann, gab es da jemanden? Soweit sie informiert war, lebte sie in wechselnden Beziehungen, nichts festes. Sie sahen sich nicht mehr so oft wie früher, und wenn, dann redeten sie die meiste Zeit nur belangloses Zeug. Oder sie stritten sich, so wie jetzt. Sie wusste es nicht.
Das Hähnchen in ihrer Tasche, dass sie sich auf dem Weg von der Arbeit hierher beim Metzger gekauft hatte, erinnerte sie daran, dass es längst Zeit für sie war, nach Hause zu gehen und sich um das Abendessen zu kümmern. Nachdem ihr Mann vor gut einem Jahr seine Stelle in der Bauaufsicht verloren hatte – der Bau eines Kernkraftwerkes unweit von Cienfuegos wurde aus finanziellen Gründen nicht fertig gestellt – musste sie, um die Familie mit zu unterstützen, sich eine Stelle suchen. An fünf Tagen pro Woche arbeitete sie als Haushaltshilfe eines vermögenden Kubaners im Stadtteil La Lisa. Die Bezahlung war nicht gerade rosig, aber akzeptabel. Nach ihrer Arbeit und dem Weg quer durch die Stadt wartete zu Hause die gleiche Arbeit nochmal auf sie, diesmal aber ohne Bezahlung. Für ihre Lieben.

„Wenn du es in dir finden kannst, nur dieses eine Mal über deinen Schatten zu springen, würde mich das sehr glücklich machen. Tu's bitte, tu's für mich. Bitte, bitte überleg's dir einfach noch mal. Das wollte ich dir sagen.“
Sie blieb noch einen kurzen Moment lang sitzen, dann stand sie auf und entfernte sich langsam von der Plaza und machte sich auf den Weg zu Fuss nach Hause. Ihre Schwester hatte ihr während dem ganzen Gespräch kein einziges Mal in die Augen geschaut.

 
Last modified onFriday, 21 May 2021 06:32
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