Pandemie der Blödheit

Der Grad und die Verbreitung von Unwissenheit, ‚Volksdümmlichkeit‘ (Danke an Reinhold Bilgeri für diesen wunderschönen Begriff) und Aberglaube, der durch die Corona-Pandemie zutage gefördert wurde, hat mich zutiefst erschüttert und das letzte bisschen Glaube das ich noch an die Menschheit hatte weitgehend zerstört.

Police vehicules advancing (COVID-19 demonstration Vienna)

Es ist für mich einfach nicht zu glauben, dass Westeuropäer im 21. Jahrhundert tatsächlich der Überzeugung sein können, eine Viruserkrankung würde durch Handymasten übertragen und der Staat, in dem wir leben, sie massenhaft ermorden oder ‚chippen‘ will und ähnliche Absurditäten.
Aber: wir haben es erlebt.

Die Corona-Pandemie hat die in der Menschheitsgeschichte einmalige Situation herbeigeführt, in der die Medizin und das Gesundheitssystems erstmals binnen kürzester Zeit einen effektiven Schutz vor einer neuen Seuche bereitstellen konnten und ein großer Teil der Bevölkerung diesen geschlossen ablehnt.

Noch während der WHO-Impfkampagne zur Ausrottung der Pocken Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre ließen sich Terroristen, die Mitarbeiter der ‚Ärzte ohne Grenzen‘ bei einer Impfkampagne in Afrika als Geißeln nahmen, sich von diesen ‚Durchimpfen‘, solange sie ihre Gefangenen waren.

In den letzten zwei Jahren bot sich uns ein völlig anderes, verstörendes Bild.
Die Schuld für diese Auswüchse ist wohl in unserem Bildungssystem zu suchen, das den Bürgern zwar beigebracht hat Dinge kritisch zu hinterfragen und Beweise für präsentierte Fakten einzufordern, es aber offensichtlich verabsäumt hat die logische Schlussfolgerung zu vermitteln, dass wenn kein Beweis als ausreichend erachtet wird um eine einmal gefasste Meinung zu ändern, man sich außerhalb einer evidenz- und vernunftbasierten Diskussion befindet und man somit die Diskussionsregeln, deren Einhaltung man von anderen erwartet auf sich selbst nicht anwendet.

Auch der einstmals vielgelobte ‚Hausverstand‘ scheint ziemlich vor die Hunde gekommen zu sein, denn anders kann ich es mir nicht erklären weshalb Menschen, um sich vor dem Kontakt mit dem Coronavirus zu schützen, permanent Einweghandschuhe trugen und mit diesen dann fröhlich auf den Displays ihrer Smartphones herumwischten und telefonierten.
Frei nach dem Motto: Auf den Händen möchte ich das Virus nicht haben, aber im Gesicht ist es mir egal.

Weiters spricht für bildungsmäßige Mangelerscheinungen in unserer Mitte das Bedürfnis nach ‚einfachen Lösungen für komplexe Sachverhalte‘, dem bedenkenlos jahrzehnte- und jahrhundertelange Forschungs- und Aufklärungsarbeit geopfert werden: Anstatt einmal tief durchzuatmen und sich zu vergegenwärtigen das man in einer komplexen Welt wie der heutigen nicht jeden Zusammenhang auf einfache Weise sofort erkennen kann, vertraut man auf Wurmmittel, esoterische ‚Selbstheilungskräfte‘, Homöopathie und sonstigen erwiesenermaßen wirkungslosen - Hokuspokus.
Dabei schrieb schon Umberto Eco: Für jedes Problem gibt es eine einfache Lösung - und die ist die falsche.

Gleichzeitig werden auf der Suche nach einfachen Erklärungen uralte Ressentiments bedient und sogar der Antisemitismus und Nazismus wieder ausgegraben, indem in beispielloser Art und Weise die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns verhöhnt werden, indem man sich öffentlich mit diesen gleichsetzt.

So gesehen lässt sich feststellen - sieht man sich die Geschichte des Antisemitismus an - dass sich zumindest seit dem Mittelalter in Europa nichts geändert hat.

An dieser Stelle beste Grüße an ‚Jana aus Kassel‘: Ihr seid nicht die Lösung, ihr seid das Problem!

Eigentlich sollten wir das besser können.

Irgendetwas muss da in den letzten ~30 Jahren bildungspolitisch gewaltig schiefgelaufen sein (wen aber wundert es bei einem Nationalratspräsidenten, der den russischen Einmarsch in der Ukraine mit der alliierten Besatzung 1945 vergleicht,…).

Auch das Argument des Rechts auf die eigene ‚körperliche Unversehrtheit‘, welches gegen die Schutzimpfung vorgebracht wurde, ist ebenso wenig zu Ende gedacht: Unser Körper ist das Medium, mit dem wir mit unserer Umwelt interagieren. Und sobald dieser infiziert ist und die Infektion weiterverbreitet, bedroht er mittels einer vermeidbaren Verbreitung einer Infektionskrankheit die ‚körperliche Unversehrtheit‘ derjenigen, mit denen er physisch in Kontakt tritt.

Damit wird das Recht auf die ‚körperliche Unversehrtheit‘ der anderen, welches man für sich selbst aber lautstark reklamiert, bewusst verletzt.

Ebenso absurd scheint die Diskussion über eine Impfpflicht - und sei sie auch nur in ‚Schlüsselinfrastrukturen‘ gültig - wenn das Gesundheitssystem aufgrund krankheitsbedingten Personalmangels vor dem Zusammenbruch steht und Mitarbeiter serienweise über Überlastung klagen, gleichzeitig aber ein relevanter Prozentsatz des Gesundheitspersonals gegen eine Impfpflicht wettert und das System sich auf diese Weise quasi selbst lahmlegt.

Die eigene, höchstpersönliche Resilienz und Krisenfestigkeit dürften auch schon bessere Zeiten erlebt haben, wenn sich Leute in einer Krise sehen, weil sie einmal für ein paar Wochen nicht zum Friseur oder auf den wöchentlichen Shopping-Trip gehen können.

Lebenswelten und Geisteszustände von Menschen, die sich zweieinhalb Stunden in einer Autoschlange für billigstes Fast-Food anstellen oder in dutzende Meter lange Warteschlangen vor Schuhgeschäften einreihen, möchte ich mir gar nicht vorstellen.

Die Ukraine-Krise, die die Corona-Krise nahtlos abgelöst hat, sollte uns vor Augen geführt haben was die tatsächlichen Auswirkungen einer Krise sind.
Welchen realen Schaden hat die Corona-Krise angerichtet? Im Gegensatz zur Ukraine sehe ich bei uns nirgends zerstörte Häuser, die des oft geforderten und befürchteten ‚Wiederaufbaus‘ bedürfen.

Noch sah ich Leichenberge und flüchtende Menschen auf unseren Straßen.

Es wurden offensichtlich überwiegend immaterielle Werte zerstört, die sich höchstens auf Bankkonten oder in Bilanzen von Firmen und Staaten - die ebenso rein immaterielle Konstrukte sind - widerspiegeln, die - das ist zumindest meine Ansicht - wesentlich leichter zu kompensieren sein sollten als reale Verluste an Rohstoffen, Infrastruktur und Menschenleben.

Aber ‚die Wirtschaft‘ (wer oder was auch immer das sein mag) und deren politische Vertreter suggerieren uns ein anderes Bild - ob es sich dafür lohnt Menschen und deren Existenzen über ihre - reale - existenzielle Klippe springen zu lassen?

Schlussendlich lässt sich zum derzeitigen Krieg in Osteuropa nur noch die zynische Frage stellen: ‚Wer hätte schon ahnen können, dass auch nur irgendetwas schlechtes daraus resultieren könnte, wenn ein ehemaliger KGB-Agent in Russland an die Macht kommt?

Oder hätte man Putin vielleicht fragen sollen was genau er damit meint, wenn er sagt er wolle ‚Russland zu alter Größe führen‘? Das Zarenreich oder die Sowjetunion?